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Notbremse

Ich habe die Notbremse gezogen. Ich fühle mich ausgelaugt, überfordert, müde. Jetzt habe ich mich von der Arbeit auf dem Bauernhof befreien lassen. Ich werde mich nur noch auf das Praktikum in M. und die Peer-Ausbildung konzentrieren. Da gibt es genug zu tun. Ich muss noch eine Modulreflektion schreiben, ein Portfolio erstellen, die Recovery-Gruppe vom Mittwoch vorbereiten und sonst noch ein paar Dinge.

Ausserdem warten wir immer noch auf den Krebs-Indikator meines Vaters. Auch wenn alle anderen Resultate gut waren, bin ich trotzdem noch etwas besorgt. Vor allem Lou und Chanita reagieren heftig darauf, dass wir noch nicht wissen, wie der Indikator aussieht.

Ich habe das Gefühl, dass ich mich mit der Ausbildung und dem Praktikum überfordert habe. Vielleicht bin ich nicht geeignet als Peer. Vielleicht sind die Gespräche, die ich mit den Patienten führe, überhaupt nicht hilfreich. Und die Recovery-Gruppe, die ich leite, ist wahrscheinlich einfach nur Schrott. Vielleicht hat Anil recht. Vielleicht kann ich das alles gar nicht.

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Entwarnung

Die Blutresultate und die Resultate der Knochenmarkpunktion meines Vaters sind da: Es ist alles in Ordnung. Kein Hinweis auf Leukämie. Jetzt warten wir noch auf das Resultat eines bestimmten Krebs-Indikators, aber der Arzt meinte, wir müssen uns deshalb keine Sorgen machen.

Ich bin unheimlich erleichtert. Mir fällt ein grosser Stein vom Herzen.

Das Gespräch mit Sab. am Freitag war gut. Sie zeigte sehr viel Verständnis für meine Situation. Sie sagte, dass sie die Ut in mir nicht mehr wahrnehmen könne, weil die peanut gallery so viel Druck macht.

Gestern bei der Arbeit in M. erzählte eine Patientin, sie wäre von ihrem Partner missbraucht und zum Analverkehr gezwungen worden. Plötzlich hatte ich wieder Bilder im Kopf. Flashbacks, über die ich keine Kontrolle hatte. Ich musste mich eine halbe Stunde auf dem Klo verstecken, bis ich wieder auf Station gehen konnte. Seitdem fühle ich mich zittrig und dünnhäutig.

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Wolken am Himmel

Ich habe wieder einen Block der Peer-Ausbildung hinter mir. Das Thema war Krisenintervention. Heftig. Wir sprachen über Suizidalität, über Zwangsmassnahmen, Polizei-Interventionen. Vieles, das triggert.

Meine Eltern sind wieder in der Schweiz. Mein Vater musste am Montag zur Krebs-Nachuntersuchung. Vor zwei Jahren erkrankte er an Leukämie. Letztes Jahr hatte er einen Rückfall. Die Resultate liegen noch nicht vor.

Wo. wird den Bauernhof verlassen. Es gefällt ihm nicht mehr, da zu arbeiten. Das Arbeitsklima hat sich im letzten Jahr verändert, er fühlt sich im Team nicht mehr wohl. Ich habe erst gerade angefangen, Vertrauen zu ihm aufzubauen. Und jetzt geht er.

Die Arbeit auf dem Hof ist mir zu viel. Ich brauche so viel Energie im Peer-Praktikum. Im Moment arbeite ich zu 30 Prozent als Peer und 70 Prozent auf dem Hof. Ich will die Arbeit auf dem Hof auf 50 Prozent reduzieren.

Ich merke, dass ich auf mich achten muss, um nicht in eine Krise zu rutschen. Die peanut gallery ist bereits am Durchstarten. Ich versuche, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Mit Toby rausgehen, mit meiner Mitbewohnerin M. einen Spaziergang machen.

Morgen habe ich einen Termin bei Sab.

Dann schaue ich weiter. Schritt für Schritt.

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Es geht mir gut!

Zum ersten Mal seit Langem kann ich wirklich sagen, dass es mir gut geht. Es ist nicht alles perfekt. Die Stimmen sind immer noch da. Ich fühle mich immer noch schlapp (jetzt weiss ich wenigstens weshalb: Ich habe Eisenmangel). Ich habe immer noch Ängste und Telepathie-Erleben.

Trotz allem geht es mir gut!

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Toby, den Hund, darf ich behalten! Die Arbeit als Peer Praktikantin in der Klinik macht mir Spass, auf dem Hof fühle ich mich wohl.

Aber ich spüre, dass ich aufpassen muss. Ich darf mich nicht überfordern. Zur Zeit arbeite ich 70 Prozent auf dem Hof und 30 Prozent in der Klinik. Dazu kommen noch die täglichen Spaziergänge mit Toby und ab nächste Woche die Hundeschule. Ich habe Angst, dass das zu viel sein könnte. Ich will versuchen, ein bisschen weniger zu machen und mehr für mich selbst zu sorgen.

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Wünsche, Träume und Ziele

Man darf immer träumen. Ohne Träume ist das Leben grau und ohne Hoffnung. Obwohl ich die Träume und Ziele auch zu einem anderen Zeitpunkt hätte formulieren können, benutze ich das Neue Jahr, um meine Wünsche und Träume für die Zukunft festzuhalten.

Voraus will ich schicken, dass das Jahr 2017 ein gutes war. Ich habe vieles erreicht und konnte Momente erleben, von denen ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte: Die Peer-Ausbildung, die Ferien in Sardinien, das Praktikum in M.

Meine Wünsche, Träume und Ziele für dieses Jahr sind:

  • Der erfolgreiche Abschluss der Peer-Ausbildung im Juni
  • Das Praktikum in M., das ich im Januar anfangen werde. Ich darf meine eigene Recovery-Gruppe aufbauen und leiten, Einzelgespräche führen und an Teambesprechungen und Visiten teilnehmen. Ich freue mich riesig darauf!
  • Regelmässig Joggen gehen, um mir bewusst Zeit zu nehmen für mich. Beim Joggen kann ich mit meinen Stimmen reden und das Chaos in meinem Kopf etwas ordnen.
  • Erarbeiten der Therapieziele
  • Nochmals Tauchen gehen
  • In den Urlaub fahren
  • Eine gute Peer-Genesungsbegleiterin werden und eine Anstellung als Peer finden.
  • Ein weiteres Jahr ohne Klinik schaffen
  • Einen Welpen finden und zum Therapiehund ausbilden

Alles sieht gut aus und es besteht Hoffnung, dass das Jahr 2018 ein gutes Jahr wird!

Leider habe ich jedoch die traurige Nachricht erhalten, dass Lucky, der Labrador in unserer WG, das zweite Kreuzband auch noch gerissen hat. Jetzt muss er im Januar operieren und wird drei Monate sein Knie schonen müssen. Ohne Hund macht das Joggen weniger Spass. Dazu kommt, dass meine Mitbewohnerin M., die Besitzerin von Lucky, sehr traurig ist und nicht gut damit umgehen kann. Ich möchte helfen und für die beiden da sein, aber irgendwie hat das auch einen negativen Einfluss auf meine Stimmung.

 

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Das Jahr 2017 und ich

Im letzten Jahr ist so viel passiert, dass ich mich daran erinnern möchte. Hier also der obligate Jahresrückblick:

Am 24.12. 2016 besuchte ich mit meiner Mitbewohnerin M. einen Welpen in der Innerschweiz. Sie hiess Fela und war sooo süss. Leider brauche ich die Bewilligung des Bauernhofs, um einen Hund haben zu dürfen. Der Hof sagte nein und so musste ich den Traum vom Welpen leider wieder aufgeben. Der Hof machte die Bedingung, dass ich zuerst ein Jahr ohne Klinik auskommen muss, bevor ich einen Hund haben darf.

Im Januar war ich auf dem Bauernhof sehr aktiv, die meisten Wochen schaffte ich es, 80 bis 100 Prozent zu arbeiten. Ich kümmerte mich hauptsächlich um die Ponys, was mir viel Spass machte. Es ging mir zum ersten Mal seit langem relativ gut.

Ebenfalls im Januar fand das Vorstellungsgespräch für die Peer-Ausbildung statt. Ich war extrem nervös, hatte Angst vor den anderen Leuten und mir fiel es schwer, meine Geschichte vor fremden Menschen zu erzählen. Ich hatte zum Glück die Möglichkeit, meine Vorstellung mehrmals zu üben, vor den Betreuen auf dem Hof und mit Sab. Sab. war begeistert von meinem „Vortrag“, da sie zum ersten Mal die „Dozentin“ in mir entdeckte. Ich fand es beruhigend, dass ich diese Fähigkeit immer noch in mir hatte und abrufen konnte, wenn es nötig war.

Im Februar erkrankte mein Vater zum zweiten Mal an Leukämie. Wieder musste er Chemotherapie machen, also insgesamt drei Intervalle. Er verbrachte drei Monate im Krankenhaus. Ich machte mir grosse Sorgen um meinen Vater, reiste dreimal pro Woche in die Klinikstadt, um bei ihm zu sein. Auch meiner Mutter ging es sehr schlecht und ich versuchte, sie so gut wie möglich zu unterstützen.

Als mein Vater im Krankenhaus war, fing Lou an, mir die Schuld an der Erkrankung meines Vaters zu geben. Es gelang mir nicht, mich von den Stimmen zu distanzieren. Chanita macht mir Angst und sagte, dass mein Vater „letzte Nacht gestorben ist“. Anil sagte, mein Leben ist weniger wert als das meines Vaters. Lou sagte, ich soll mich umbringen, damit meine Vater überleben und meine Eltern glücklich sein können.

Im Februar liess ich mir das Semicolon Tattoo stechen mit dem Text: „My life is not over yet“. Damit entschied ich mich für das Leben. Ich beschloss, dass mein Leben lebenswert ist und ich leben will, auch wenn ich das manchmal vergesse. Aber jetzt muss ich nur mein Handgelenk anschauen, um mich daran zu erinnern.

In dieser Zeit beschäftigte ich mich auch mit dem „false memory syndrome„. Ich glaubte, dass ich mir meine „traumatischen“ Erinnerungen nur einbilde. Dass sie ein Produkt meiner Fantasie sind. Ich bin immer noch nicht sicher, ob meine Erinnerungen echt sind, aber ich glaube, dass ich trotz allem ein recht auf Therapie habe. Von irgendwo müssen die Albträume, Dissoziationen und Flashbacks ja kommen.

Im Februar erhielt ich die Nachricht, dass ich für die Peer-Ausbildung ausgewählt wurde. Ich freute mich riesig. Die Ausbildung war eine riesige Chance für mich. Im März fand der Kennenlerntag statt. Ich hatte wieder panische Angst. Immerhin musste ich mich diesmal vor zwanzig Mitschülern vorstellen. Aber meine Angst war unbegründet. Alle waren freundlich und offen. Ich musste mich nur kurz vorstellen, ohne meine ganze Geschichte vor allen zu erzählen. Eigentlich ging es beim Kennenlerntag nur darum, sich die Namen und Gesichter zu merken.

Im Juni hatte ich das Bewerbungsgespräch in M. und erhielt den Praktikumsplatz für das Schnupperpraktikum. Das Praktikum machte mir Spass und gab mir Energie und Selbstbewusstsein. Ich durfte von Anfang an Verantwortung übernehmen und Gruppen leiten. Ich habe viel gelernt und fühlte mich wohl im Team und mit den Patienten. Das Praktikum hat mich darin bestärkt, dass ich als Praktikantin im stationären Rahmen arbeiten möchte.

Im August fand in der Peer-Ausbildung das Modul Selbsterforschung statt. Nach dem Modul fiel ich in ein tiefes Loch. Die Geschichten und Emotionen der anderen Teilnehmer berührten mich und ich fühlte mich schuldig dafür. Immer wieder schlich sich psychotisches Denken ein, aber ich schaffte es, mich wieder zu distanzieren.

Das Highlight das Jahres war der Urlaub in Sardinien im September! Ich habe es geschafft, nach Sardinien zu fliegen trotz Angst und Panik. Und ich konnte mir den Traum vom Tauchen verwirklichen. Nach über vier Jahren war ich wieder im Wasser, es war einfach traumhaft! Ich hatte endlich mal Ruhe von den Stimmen, ich habe so lange von diesem Augenblick geträumt und P. hat es mir ermöglicht. Ich bin ihm so dankbar!

Daraufhin folgte das Praktikum in L. Das Praktikum war anstrengend. Ich fühlte mich vom Team nicht ernstgenommen. Die Arbeit mit den Patienten machte mir Spass, aber ich hatte keinerlei Kompetenzen. Das einzige was ich tun durfte, war, mit den Patienten Spiele zu spielen, Spazieren zu gehen und Einzelgespräche zu führen. Ich verbrachte den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich hätte gerne an Fallbesprechungen und andren Teamgefässen teilgenommen, aber das durfte ich nicht. Ich bin jedoch stolz, dass ich das Praktikum trotz allem durchgezogen habe. Dafür habe ich gelernt, dass ich in M. wirklich Glück hatte. Ich konnte mir für Januar ein weiteres Praktikum in M. organisieren, darauf freue ich mich schon!

Ende Jahr musste ich mich von P. verabschieden, was ich sehr schade fand und mich traurig machte. Wir waren ein gutes Team. Zum Abschied haben wir mit P., Sab. und meiner Wenigkeit einen Ausflug ins Sea Life gemacht. Das war schön. Ab nächstem Jahr werde ich mit Wo. arbeiten. Der Anfang mit Wo. war etwas schwierig, aber ich hoffe, dass wir zusammen auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Ich bin zuversichtlich. Wo. ist wirklich ein toller Mensch, ich bin einfach nicht so begeistert von seinen Methoden.

Alles in allem war es ein gutes Jahr! Ich habe so viel geschafft, vieles davon hätte ich mir vor einem Jahr niemals zugetraut! Das Jahr 2017 war jedoch nicht immer nur positiv, ich hatte auch sehr schwierige Phasen, musste oft mit meinen Stimmen kämpfen, fühlte mich traurig, ängstlich und hilflos. Häufig brauchte ich die Hilfe von Sab., E. und P., um mich wieder zu stabilisieren. Trotzdem habe ich es geschafft, ein ganzes Jahr ohne Klinik zu schaffen! Das heisst, ich darf wahrscheinlich nächstes Jahr einen Welpen haben… darauf freue ich mich schon!

Falls ihr tatsächlich bis hierhin gelesen habt, wünsche ich euch alles Gute für’s Neue Jahr! Ich freue mich, euch im nächsten Jahr wieder zu lesen!